Freitag, 8. Mai 2015

52/52 Challenge: Lieblos, liebevoll

Nr. 25.
Viel Spaß beim Lesen. :)

Wort: Liebe
Wörter: 1241

Lieblos, liebevoll


Ich wusste von Anfang an, dass etwas mit mir nicht richtig war, dass ich anders war. Ich wusste das schon als kleines Kind. Ich fühlte es einfach. Fühlte, dass da irgendetwas in mir war, dass die anderen Kinder nicht hatten.
Ganz am Anfang machte es mich traurig. Ich wollte nicht anders sein. Ich wollte sein wie sie. Ich wollte dazugehören.
Doch je älter ich wurde, umso mehr wusste ich meine Andersartigkeit zu schätzen. Ich begann sie zu verstehen und erkannte, dass sie ein Privileg, ein Geschenk, eine Gabe war. Ich sollte sie nutzen und nicht verachten oder mich dadurch ausgeschlossen fühlen. In gewisser Weise war ich ausgeschlossen, aber in dem Sinne, dass ich über allen anderen Stand. Ich war besser als sie, besser als sie alle.
Lange Zeit wusste ich aber nicht, wie ich das Besondere an mir, nutzen konnte. Es war da, das fühlte ich. Nur wie aktivierte ich es? Wie setzte ich diese Kraft in mir frei? Fehlte mir etwas? Würde es mit der Zeit kommen?
Vorerst entschied ich, zu warten. Etwas anderes blieb mir auch nicht groß übrig. Denn ich wusste ja nichts zu tun. Ich wusste nichts von der Welt. Ich war noch zu klein, zu unerfahren, zu dumm. Ich konnte nur warten. Warten, warten, warten.
Es nervte mich, wie nichts anderes. Es gab nur eine Sache, die mich mehr nervte. Eine Person, genauer gesagt. Mein älterer Bruder Kyle.
Kyle war, wie alle anderen, niemand besonderes. Er war nicht so wie ich. Ich hätte es gespürt, wenn er besonders wäre, auf meine oder eine andere Art. Aber er war es nicht. Er war ein ganz normaler Mensch. Irgendwie war er aber auch kein ganz normaler Mensch. Er war nicht anders, nicht besonders. Aber er war... heller? Mir fiel kein anderes Wort, keine andere Beschreibung dafür ein.
Was auch immer es war, es war zum Kotzen. Was sollte das? Wieso war er etwas besonderes, obwohl er nichts besonderes war? Ich verstand das nicht. Ich wollte es auch nicht verstehen. Ich wollte, dass es wegging!
Noch nerviger als vorher schon wurde es, als wir in die Schule kamen. Es war ein Elitegymnasium für Hochbegabte. Der Titel allein sagte aber nichts aus, mal abgesehen von den ganzen versnobten und verwöhnten, reichen Kindern, die sich allesamt für was besseres hielten, obwohl sie es nicht waren. Wenn man selbst wusste, dass man besser war, waren diese ganzen Möchtegerns wirklich lächerlich.
Der Lächerlichste aber war Kyle, weil er nicht einmal lächerlich war. Eigentlich war ich dann der Lächerliche, weil ich mich über seine nicht vorhandene Lächerlichkeit ärgerte, oder?
Wie auch immer. Die Schule steigerte meine Wut auf ihn immer weiter und weiter. Es waren nicht mehr nur Momente, in denen ich ihn dafür hasste, wie er war. Jetzt waren es mehrere Stunden am Tag.
Das Einzige, was mir ein bisschen Befriedigung verschaffte und mich meine Wut aushalten und nicht an ihm abreagieren ließ, war die Tatsache, dass er nichts von meinem Hass auf ihn wusste. Und auch sonst wusste es keiner. Ich konnte ihn still vor mich hinhassen, ganz allein, bis ich eines Tages schlau und stark genug sein würde, um all meinen Hass in eine Waffe gegen ihn zu verwandeln. Das war mein Ziel: Ihn mit meinem Hass auszulöschen.
Solange gab ich mich damit zufrieden, dass wir rein vom äußeren Auftreten und von der Wirkung, die wir auf unsere Mitschüler hatten, gar nicht so verschieden waren. In jedem Fall war er nicht besser als ich. Das konnte er gar nicht. Mochte sein, dass er besser, heller als die anderen war, aber er war nicht besser als ich. Nein, absolut nicht.
Jetzt, wo Unterrichtspause war, standen genauso viele Mitschüler um ihn herum, wie um mich. Ihn umringten genauso viele Mädchen und Jungen, wie mich. Ich hatte nachgezählt. Er war nicht besser als ich.
Doch während ich mit meiner Gruppe und er mit seiner Gruppe redete, konnte ich es trotzdem nicht lassen, immer wieder zu ihm rüber zu sehen. Ich hasste seine Art, seine Helligkeit. Mit seinem strahlenden Lächeln schien er alle zu blenden. Sie folgten ihm doch nur, weil er leuchtete. Hörten ihm nur zu, weil jedem seiner Worte dieses gewisse Licht innewohnte.
Nein. Nein, ich blendete meine Leute. Ich blendete sie mit meiner dämonischen Dunkelheit, die so tief und rein war, dass diese dummen Menschen sie mit Licht verwechselten. Sie folgten mir nur, weil sie diese Dunkelheit für Licht hielten, weil sie mich strahlen sahen, obwohl ich in Wirklichkeit finsterer nicht sein könnte. Ich führte sie hinters Licht, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hörten mir nur zu, weil die Dunkelheit meiner Worte so dunkel war, dass sie wie Licht klang.
Ich war froh, um diese Fähigkeit. Oh, wie froh ich war. Es wäre schrecklich allein im Dunkeln dazustehen. Amélie, Kyles Zwillingsschwester, sie stand alleine im Dunkeln da und wusste nicht wohin, das arme Mädchen. Aber ich nicht. Ich war besser, stärker, besonderer. Amélie war auch besonders, aber nur zum Teil. Ich war doppelt so besonders wie sie, doppelt so stark.
Und Kyle, Kyle besaß bloß reines Licht. Es war nicht einmal Engelslicht. Nein, Engel vergaben ihr Licht nicht an Menschen. Ich hatte noch keinen einzigen Menschen mit Engelskraft gesehen und mit meinem Dämonenfähigkeiten würden ich es sehen. Kyles Licht war bloß reinste Menschlichkeit, Unschuld. Das war es, was ihn anziehend für die Menschen machte.
Ich sah wieder zu ihm rüber, beobachtete ihn, wie er lächelte und lachte. Alles, was ich konnte, hatte ich von ihm gelernt. Es war ironisch. Ich hasste ihn so sehr, hasste seine strahlende Menschlichkeit und doch hatte ich mir genau das abgeguckt und verhielt mich wie er, damit die Leute mich mochten.
Mochten. Sie mochten mich nicht einmal. Sie dachten nur, dass sie mich mochten. Es war frustrierend, furchtbar frustrierend und deswegen hasste ich Kyle immer mehr. Er musste nichts tun, nichts spielen. Er war er selbst und die Leute mochten ihn dafür. Nein, sie mochten ihn nicht. Oh, sie mochten ihn nicht bloß. Sie liebten ihn. Sie liebten ihn, manche mehr, manche weniger, nur einige aus vollem Herzen. Aber sie liebten ihn. Weil er liebevoll war. Nicht liebevoll im Sinne von zärtlich, sondern im Sinne von voller Liebe. Kyle war voller Liebe und jeder konnte das sehen, konnte es fühlen und er schenkte sie jedem, diese Liebe und bekam sie von jedem zurück. Er war nicht bloß beliebt, er wurde geliebt.
Währenddessen trug ich eine Maske. Ich versteckte mich hinter Licht und es war zum Kotzen! Ich wollte auch ich selbst sein. Ich wollte auch geliebt werden. Aber ich würde nie geliebt werden, niemals. Denn um geliebt zu werden, musste man lieben. Ich konnte nicht lieben, Dämonen konnten das nicht und würden es nie können. Ich war leer. Ich war lieblos. Ich war ohne Liebe. Ich besaß zwar ein schlagendes Herz, aber es war bloß ein Organ. Liebe kannte ich nicht, würde ich nie kennen. Alles würde immer nur ein billiger Abklatsch von Liebe sein. Ein billiger Abklatsch von Kyle.
Deshalb hasste ich ihn. Deshalb würde ich ihn auslöschen. Seine Liebe machte mich krank, drohte mich zu ersticken und sein Licht drohte mich zu verbrennen. Bevor das passieren konnte, musste ich ihn mit meiner Dunkelheit töten.
Und das würde ich tun. Ich musste nur warten. Warten, bis ich alt genug war und meine Kräfte erwachen würden. Warten, bis der richtige Moment gekommen war. Warten und mich in Geduld üben. Warten...
Aber das würde es wert sein. Am Ende würde meine Rache all das Warten wert sein.


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